Entstehung der Bahnlinie von Chemnitz nach Stollberg


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Wir hatten uns für November/ Dezember vorgenommen, über die Entstehung der Bahnlinie von Chemnitz nach Stollberg zu berichten. Im Oktober 2020 war die Einweihung der Strecke vor 125 Jahren gefeiert worden. Wir hatten auch darüber berichtet und zu der im alten Bahnhofsgebäude in Stollberg organisierten Ausstellung Material zur Verfügung gestellt. Vielleicht haben auch viele Jahnsdorfer Bürger sich diese angesehen. Ich will hier mal für alle anderen etwas auf die Hintergründe und Initiativen zum Bau der Strecke eingehen.

Im Oktober 1887 hat ein Komitee, das in Harthau seinen Sitz hatte, einen Antrag an die Regierung des Königreichs Sachsen geschickt, welcher von 40 Geschäftsleuten und Gemeindevorständen aus den Orten Altchemnitz, Harthau, Klaffenbach, Neukirchen, Adorf, Jahnsdorf, Leukersdorf und Pfaffenhain unterzeichnet war. Darunter waren allein neben dem Gemeindevorstand Lang aus Jahnsdorf noch 5 Geschäftsleute von hier.
Sie bezogen sich auf einen bereits 1867 gestellten Antrag, der schon einen Bauwunsch beinhaltete, aber nicht zum Zuge kam, weil die Errichtung der Bahnlinie Chemnitz- Aue- Adorf V. im benachbarten Zwönitztal von Staats wegen favorisiert wurde. Dabei waren auch schon umfangreiche Vorbereitungsarbeiten von planerischer Seite gemacht worden. Das neue Harthauer Komitee stellte in seinem neuen Antrag umfangreiche Kostenermittlungen für den Bau und späteren Betrieb der Bahn an.
Sie bezogen sich darauf, dass allein in den beiden Kammgarnspinnereien in Harthau 700 Personen beschäftigt waren und es weitere Betriebe wie Eisengießereien, Strumpfwarenfabriken, Färbereien und Mühlen gab.
Es wurde die Variante einer Stichlinie nach Neukirchen bis in Höhe „Stern“ einbezogen, aber eben entgegen der späteren Realisierung, nicht nach Stollberg. Eine Weiterführung der Linie von Jahnsdorf als „Kohlenbahn“ nach Niederwürschnitz oder Lugau wurde als spätere Option offen gelassen.
Die damals schon stark belastete Straßenverbindung Annaberger Chaussee wurde als stark die Wirtschaft behindernde Hürde dargestellt, die nur durch eine Verlagerung des Güter- und Personenverkehrs auf die Schiene entschärft werden könne. Die Kosten für die Herstellung der Bahnlinie würden sich auf 76.000 Mark pro Kilometer belaufen und die Einrechnung des Ertrags hätten damals eine Verzinsung von 4,6 % ergeben. Der Antrag an die Staatsregierung wurde auch durch eine Stellungnahme der Jahnsdorfer Gemeindevorstände mit Datum vom 11.11.1892 bekräftigt. Darin wird ausgeführt, dass im Ort sieben größere Strumpffabriken mit Dampfmaschinen arbeiten und dort 200 Arbeiter in Lohn und Brot sind. Daneben gab es auch noch viele kleine Strumpfproduzenten, die in Handarbeit produzieren. Es wird eingeschätzt, dass sich die Beschäftigtenzahlen nach Eröffnung des Bahnbetriebes weiter erhöhen. Dieses Dokument wurde von 25 Jahnsdorfer Honoratioren unterzeichnet.
Die berechneten Gesamtkosten beliefen sich auf etwas über einer Million Mark. Im März 1892 wurde der Bau der Strecke von der Dresdner Staatsregierung beschlossen. Dabei wurde er sogar auf eine Normalspurbahn erweitert. Der Antrag hatte sich auf eine Schmalspurbahn bezogen und es wurde dann sogar bis Stollberg gebaut. Nicht verwirklicht wurde die Trasse nach Neukirchen.
Im April 1894 lud der Gemeindevorstand Lang zur Grundsteinlegung für das Bahnhofsgebäude ein. Die Kosten für das Gelage betrugen 111 Mark und sind akribisch festgehalten. Innerhalb von dreieinhalb Jahren wurde der Bau der Linie vollendet und im Oktober 1895 in Betrieb genommen. Am 20.9.1895 wurde im Rahmen einer Sonderfahrt durch entsprechende Fachleute aus Staatsregierung und Eisenbahnverwaltung, beginnend halb zwölf Uhr mittags ab Hauptbahnhof Chemnitz, die Strecke bis Stollberg abgefahren, wo man gegen zwei Uhr ankam. Nach einer Besichtigung des Stollberger Rathauses trat die Delegation gegen drei Uhr nachmittags die Rückfahrt nach Chemnitz an. Sie bestätige ein befriedigendes Ergebnis ihrer Abnahme und stimmte für die Eröffnung am 30. September.
Für die Sonderfahrt zur Eröffnung begann in Stollberg der Verkauf von Tickets (Fahrkarten) im Wert von 2 Mark, wo der Fahrpreis und ein Frühstück inbegriffen sein sollte. Außerdem wurde von den Anliegergemeinden dafür gesammelt, den Ehrengästen ein solches Frühstücks Büfett zu sponsern.
Von Jahnsdorf wurden dazu 250 Mark beigesteuert. In Jahnsdorf selbst gab es auch eine große „Bahnweihe“ im Gasthof „Felsenkeller“ (siehe Plakat).
8 Uhr fuhr der Zug also von Stollberg ab und sammelte bis nach Altchemnitz 300 Passagiere ein, allein von unserem Ort 25. Das große Frühstück für alle Fahrgäste die dafür 2 Mark bezahlt hatten, wurde wegen der zu großen Beteiligung abgesagt und der Preis konnte zurück gefordert werden. Kurz vor 12 Uhr mittags trat der Zug dann seine Rückfahrt nach Stollberg an.
Er wurde an jedem Bahnhof von Schulkindern, Vereinen und Bürgern begrüßt. In Jahnsdorf wurde der Festzug zunächst durch den Männergesangsverein begrüßt, dann hielt der Gemeindevorstand Lang eine begeisterte Rede. Unter dem Schwenken von Fahnen der aufgestellten Vereine verließ der Zug dann den Jahnsdorfer Bahnhof in Richtung Pfaffenhain. Kurz vor 1 Uhr traf der Zug in Stollberg ein und die Ehrengäste marschierten durch die geschmückte Stadt in das „Weiße Roß“, wo es ein Festessen mit vielen Trinksprüchen gab. Gegen halb sechs war alles vorbei und die Festgäste traten vom Bahnhof Stollberg die Rückfahrt an. Damit war die Feier zur Einweihung der „Würschnitztalbahn“ beendet und der regelmäßige Zugbetrieb konnte am 1. Oktober 1895 aufgenommen werden. Für den Jahnsdorfer Gemeindevorstand Lang wurde die erste Fahrkarte auf dem Bahnhof ausgestellt.
Wie es mit der Eisenbahn im Ort weiter ging, werden wir in einem der nächsten Beiträge hier im Gemeindeblatt berichten.
Sollte noch jemand wichtige Dokumente dazu beisteuern wollen, können sie gern an unseren Verein weitergegeben werden. Sie sollen dann in geeigneter Form mit eingearbeitet werden. Die vorliegenden Informationen stammen in der Hauptsache aus einer Sammlung der Familie Franz, den jetzigen Besitzern des Bahnhofsgebäudes.
Ansonsten wünschen wir allen Bürgern des Ortes und besonders unseren Heimatfreunden für das begonnene Neue Jahr 2021 alles Gute und diesmal besonders – Gesundheit

Für den Vorstand des Heimatvereins Jahnsdorf e.V. Manfred Kinas